Der K98 - Alt und bewährt...
Wer mich gut kennt, weiß, daß ich neben dem Pistolensport
auch Großkaliber Gewehr in der BDMP*-SLG Boostedt 300
schieße. Ich besitze einen Karabiner 98k, der auf den ersten Blick wie
ein normaler Wehrmachtskarabiner aussieht. Allerdings fällt dem Betrachter
bei genauerem Hinsehen auf, daß dieser in einem unüblichen Kaliber
- nämlich 7,62 mm - und mit merkwürdigen Zeichen auf der Systemhülse
nun gar nicht in das Arsenal ehemaliger Wehrmachtswaffen einzuordnen ist. Auch
wurden die deutschen Brüder dieses Gewehrs meist im Kaliber 8x57 IS (Infanterie-Spitz)
gefertigt.
Vom "Tunen" einer solchen Waffe zu einer treffsicheren Sportmaschine
halte ich nichts - aus diesem Grund werde ich auch kein Zielfernrohr oder ähnliches
Zubehör anbringen, um beispielsweise die Trefferleistung zu erhöhen. Übertroffen
werden kann dieses frevelhafte Verhalten nur noch von dem Treiben einiger Büchsenmacher,
die historisch interessante Stücke zu Dekowaffen umbauen - also waffenrechtlich
kastrieren - damit sie sich jemand über das Sofa hängen kann, der keine
Waffenbesitzkarte sein Eigen nennt. Mit jedem dieser Dekostücke geht ein
Teil waffentechnischer Geschichte unter... aber zurück zum Thema...
Es macht Spaß ein solches Gewehr zu schießen, auch wenn die Ergebnisse erst ab einer Entfernung von 100m einigermaßen akzeptabel erscheinen! Eine längere Serie im T-Shirt zu schießen, bleibt aber den Masochisten unter uns vorbehalten - dieser Prügel tritt ganz ordentlich! Nun möchte ich den Interessierten unter Euch einige Bilder nicht länger vorenthalten! Es folgen aber noch weitere...
Hinweis: Die Munitionsstreifen wurden hier nur für die Veranschaulichung der Funktion in den Verschluß eingeführt - bei einer Reinigung hat Munition überhaupt nichts zu suchen! Die Seriennummern wurden unkenntlich gemacht!
Geschichte dieses Mausersystems
Die Basis dieses Systems geht auf das bekannte Mauser Modell des Gewehrs 98 zurück, welches im Jahr 1898 von den Mauser Waffenfabriken erstmals hergestellt wurde. Seitdem hat sich, außer an der Modifikation der Länge (K98k = K98 kurz) im wesentlichen nicht viel getan - warum auch? Dieses System ist unempfindlich, unkompliziert und wird bis in die heutigen Tage von den verschiedensten Waffenherstellern für Jagdgewehre modifiziert. Wer allerdings weiter in die Tiefen der K98-Geschichte abtauchen möchte, dem sei die Lektüre der Bücher "Karabiner 98k" und "K98k als Scharfschützenwaffe" von Richard D. Law ans Herz gelegt. Sie gelten quasi als die Bibeln der technischen Entwicklung und vorallem der Stempelungen dieses Gewehrs.
Die geschichtlichen Hintergründe meines K98
Da ich selbst kein Waffensammler auf dem Gebiet der Ordonnanzwaffen bin und auch die geschichtlichen Hintergründe des Einsatzes dieser Waffen in Israel nicht kenne, habe ich mir kompetente Unterstützung geholt. Dr. David Th. Schiller* - Nahost- und Terrorexperte, sowie Herausgeber der Waffenzeitschrift "Visier" - hat mir auf Nachfrage durch ein kurzes Telefonat die Erlaubnis gegeben, seine Erläuterungen zu diesen speziellen "Israelis" hier zu verwenden. Diese Informationen kommen sozusagen aus erster Hand, da "Doc Schiller" - wie er in einigen Legalwaffenforen genannt wird - die Entwicklungen in und um Israel sprichwörtlich "hautnah" erlebt hat. Hier nun die interessanten Fakten zum Thema "Geschichte der israelischen K98":
[Zitat] "Noch vor der Staatsgründung im Mai 48 gab es ein Abkommen
zwischen der israelischen Untergrundregierung und der CSSR über die
Lieferung von Waffen (98k, MG 34, ZB 34 usw. und tschechische Messerschmidt-Kopien
/Flugzeuge), die in dem Moment in Vollzug gingen, als die Briten aus Palästina
abzogen.
Alle diese 98k waren aus ehem. Wehrmachtsbeständen , in 8 x 57, von den
verschiedensten Herstellern, mit Waa-Stempeln usw. Zum Teil hatten die Tschechen
aber auch schon einige Waffen arsenalüberholt. Aus dem gleichen Fundus
wurde übrigens später auch die DDR "bedient".
Ab 1948 wurde der 98k zur Standardwaffe (neben dem britischen SLME Mk III)
der neu gegründeten israelischen Streittkräfte a.k.a. Zahal alias
IDF (engl.) Im Hebräischen hieß der Schießprügel übrigens
nur "Chechi". Damit erhielt auch das deutsche Kaliber 8 x 57 Eingang.
Chechis blieben offizielle Dienstwaffe bei der Luftwaffe, Marine, der Grenzpolizei
und der Heerestruppen (hier nur noch Reservisten 2. Ordnung und Nachschub)
bis Ende 1973 (sic!). Im Sechs-Tage-Krieg von 1967 rückten sogar noch
Fronttruppen mit dem 98 k aus. Bis zum Ende dieser offiziellen Dienstzeit (die
britischen SMLEs wurde bereits 10 Jahre früher ausgemustert) gab es den
Chechi in zwei Versionen in der isr. Armee, in 8 x 57 und 7,62 x 51 (Nato).
Ich weiß das deshalb noch so genau, weil ich mich im Herbst 1972 wochenlang
zusammen mit Beduinen-Scouts im Nordsinai zwischen Khan Yunis und El Arisch
herumtrieb und die hatten alle 98 k in 8 x 57. Im gleichen Jahr verloren wir
aber bei einem Vergleichsschießen mit der Grenzpolizei, weil die mit
7,62er Chechis antraten und wir unsere ausgelutschten FN Fal-Prügel hatten.
Im Sommer 1956 kam das Geschäft mit FN zustande, infolgedessen Israel
das damals brandneue FN FAL als neue Infanteriewaffe für alle regulären
Verbände einführte und auch den Wechsel zum Kaliber 7,62 Nato vollzog.
FN erhielt später die Lizenzrechte für die Uzi. Nach dem Sinai-Feldzug
im Herbst 1956 begann die Vollausstattung der Fronttruppen - Fallschirmjäger,
Golani mot. Infanterie, diverse Reservebrigaden. Die aus dem Infanterie-Dienst
herausgezogenen 98k wurden arsenalüberholt und als erste Maßnahme
die ausgeschossenen oder irgendwie beschädigten Läufe (Rost, Mündungsschäden
usw) mit von FN gelieferten Läufen in 7,62 x 51 auf Vordermann gebracht.
Diese Waffen gingen dann in die Arsenale der Reserve-Brigaden, welche die eigentliche
Stärke der IDF darstellen.
Natürlich brachte das Durcheinander von gleich aussehenden Gewehren mit
zweierlei Kalibern jede Menge Probleme im normalen Dienst, vor allem bei solchen "Jobnick"-Einheiten,
wo der Kontakt zur Waffe nur noch im Wache- oder Formaldienst stattfand: 8
x 57er wurde aus Versehen mit 7,62er Munition bestückt, irgendwelche Dumpfbacken
versuchten Mauser-Patronen in die 7,62er Varianten zu laden usw. Die 7,62er
Gewehre erhielten teilweise (nicht alle!) große Schaftbrände mit
der Kaliberangabe auf dem Kolben. Bei anderen kam das Kaliber auf die Schlosshülse.
Das hing ganz davon ab welche Werkstatt die Konvertierung durchführte
und wann. (denn im Laufe der Jahre gewann die Armee ein Mehr an Erfahrung über
die Unfähigkeit der ganz normalen Soldaten/innen und deren Lesefährigkeiten
oder sollte man sagen Zahlenkenntnis?)
Es gibt eine Fülle von Variationen israelischer 98er: Solche mit Originalschäften
aus der Wehrmacht, solche mit nachträglich im CSSR-Arsenal angefügten
Neuschäftungen, israelische Neuschäftungen, mit oder ohne Zahal-Stern
auf der Schloßhülse, als KK-Version für die Jugendausbildung
Gadna und last but not least mit nachträglich in Israel aufgesetzten Zielfernrohren
diverser Provenienz von Pekar bis Nimrod, japan. No-names als Scharfschützengewehre.
Die letzten dieser Art gelangten vor ein paar Jahren in den Handel, es waren
sehr eigenwillig und individuell umgebaute 98k-ZF-Gewehre, die der Scharfschützentruppe
der Mischmaar Esrachi in den 70er bis 90er Jahren gehörten - Zivile Freiwillige,
meist Sportschützen, die zur Unterstützung der Polizei regulären
Dienst verrichten. Gibt es heute noch, mittlerweile aber besser ausgerüstet..." [Zitat
Ende]
...und hier noch etwas aus dem Ordonnanzwaffenbereich des Forums Waffen-Online...
[Zitat] "Der Doc kann weiterhelfen?
Soso - naja, kanner, hatter nämlich mal nen Artikel geschrieben drüber
in 4/96). So, hier gehts auch ein bißchen kunterbunt durcheinander...
Erstmal: Nahostgeschichte, Einführungskurs:
Palästina bis 1918 türkisch, ab dann britisches Völkerbund-Mandatsgebiet,
bis Mai '48. D.h. die Tommys hatten dort das Sagen und stationierten teilweise
bis zu 100 000 Mann Truppen im Land (vor WK-Zwo!) Während des WK-Zwo war
Palästina Hauptnachschubbasis für britische Operationen im Vorderen
Orient und Nordafrika.
- Woraus folgt, daß jede Menge Enfields No. 1 Mk.III im Land waren und
auch da geblieben sind, (viele wurden schlicht geklaut!) als Israel 1948 auf
einem Teil des Mandatsgebiets gegründet wurde. Enfields wurden nämlich
auch von den Briten an die jüdische Hilfspolizei ausgegegben, genauo wie
die Briten die Jordanische Legion (Armee transjordaniens) von A bis Z ausstatteten.
Phase II: Staatsgründung gemäß UN-Teilungsplan vom Sept. 47
Der isr. Untergrund (Haganah) kaufte ab Dezember 1946 in Prag jede Menge Waffen
an, darunter MG 34 und 98k - die ersten davon gelangten Ende März per
Flugzeug nach Palästina. Aufgrund ihrer Herkunft hießen die Dinger
auch "Czechis". Andere Waffen wurden in Nordafrika erbeutet oder
auf dem sehr tumultigen Schwarzmarkt in Europa nach 1945 gekauft und ins Land
geschmuggelt.
Die Enfields und 98k wurden mit Staats- und Armeegrundung (IDF) Standardwaffe,
zusammen mit der Sten, der Tommy Gun und sogar der MP 38/40 und 40 (für
Fallschirmjäger), dem MG 34 und Bren lMG.
Die 98k blieben bis 1974-75 in der Strukturbewaffnung der isr. Armee und der
Grenzpolizei. Das Enfield No.1 Mk III gab es bis 1974 noch bei der Polizei
als Bewaffnung für den Zivilschutz (Haga).
Nach Erfindung der Uzi Anfang der 50er Jahre machten die Israelis einen Deal
mit den Belgiern: Die durften die Uzis in Lizenz nchbauen (u.a. für die
BW) dafür kriegte die IDF das FN FAL und das MAG zum Vorzugspreis. Beide
ersetzten bis '67 bei den Linientruppen die 98k und Enfields und MG 34. Rückwärtige
Dienste und Reservisten aber rannten mit dem 98k noch anno 1973/74 herum. Im
Zuge dieses Deals erhielten die Israelis auch belgische 98er in 7,62 x 51,
was ja ab 1956 auch die neue Patrone der IDF war.
So existierten bis 1974 die 98k in 8 x 57 und 7,62 x 51 lustig nebeneinander
her in der Armee. Und weil es in jedem Land und bei jeder Truppe jede Menge
Trottel gibt, kriegten die 7,62er 98k einen riesigen Schaftbrand "7,62" oder
auch den Hülsenstempel. Norweg. 98k gab es meines Wissens in der IDF nicht,
weder in .30-06 noch in anderen Kalibern (und ich war seinerseits stets auf
der Suche nach was Neuem...) Was es aber gab (und jede menge davon - waren
22er versionen des 98k aus Belgien für die vormilitärische Jugendausbildung
in der "Gadna".
ab '74 lösten der .30 M 1 Carbine, das M 14 und später das M 16 die
alten Weltkriegswaffen bei den Streitkräften und in den Polizeien ab -
und ab Mitte der 70er Jahre wurde viel davon ins Ausland verkauft...!" [Zitat
Ende]
Der Karabiner, den ich besitze, wurde also ab dem Jahr 1956 von der belgischen Firma FN (Fabrique Nationale D´Armes de Guerre) in Herstal für Israel in dem Kaliber .308 Win (7,62mm Nato) hergestellt. FN fertigte ja während der deutschen Besatzungszeit die Karabiner für die deutsche Wehrmacht und besaß demzufolge das Know How und die notwendigen Maschinen. Diese Gewehre wurden von der israelischen Armee oder den Grenztruppen bis ca. 1974 militärisch geführt.
Die Stempel - der (Leidens)weg einer Waffe
Die
Stempelung einer historischen Waffe sagt sehr viel über dessen Herkunft
und Verwendung aus. Das gilt für die meisten Waffen, die einmal für
miltärische Zwecke gebaut wurden. Im Verlaufe des Lebens einer solchen Waffe,
durchwandert sie nämlich zahlreiche Depots, Werkstätten und wechselt
häufiger schon mal die Seiten. Und fast jedes Mal verewigt sich ein Waffenwart
oder -mechaniker mit einem Schlagstempel. Jeder noch so kleine Buchstabe oder
jede Ziffer hat eine Bedeutung. Ein kundiger Sammler kann aus der Anzahl und
der Bedeutung dieser Stempel den Weg dieser Waffe ziemlich genau nachverfolgen
und dadurch entstehen oftmals interessante Geschichten. Hier nun die Erklärung
von Doc Schiller, der verständlicherweise ein wenig Licht in das Dunkel
der hebräischen Schriftzeichen bringen kann:
[Zitat] "Also der linke hebr. Buchstabe ist ein "Zadik" ähnlich
dem deutschen "Z" und steht für Zahal,
die Abkürzung für Zwa Haganah le Israel ist - wörtlich "milit.
Verteidigung für Israel" - also die Armee.
Der zweite Buchstabe sieht aus wie ein "Beth", also "B", auch im hebräischen
der 2. Buchstabe des Alphabets.
In diesem Zusammenhang dürfte das soviel bedeuten wie "zweite Garde",
das heißt die Waffe wurde in der Bewaffnungsstruktur der isr. Armee als
zweitranging (B-Klasse) eingestuft.
Das passierte mit den 98er in .308 Ende der 60er Jahre, als die Kampfeinheiten
samt und sonders mit den FN FALs ausgestattet waren (anno 1967) rückten
noch manche Reserveverbände mit dem 98k in den Sechs-Tage-Krieg aus. Der
98k in 7,92 x 57 (gab's auch 73 noch!) galt als dritte Wahl oder "gimel" -Klasse." [Zitat
Ende]
So, nun zu den Stempeln auf meiner Waffe: Im Bild kann man auch diese hebräischen Schriftzeichen erkennen, welche einem Y J ähneln. Das Y ist das Zadik und das Beth. Dieses Gewehr wurde also vermutlich als 2. Wahl eingestuft. Auch trägt der Kolben eine riesengroß eingebrannte 7,62 - den Hintergrund kann man den oberen Texten Doc Schiller´s entnehmen. All diese Erkenntnisse stammen ebenfalls aus dem Ordonnanzwaffenbereich des Forums Waffen-Online.
*Dr. David Th. Schiller: promovierter Politologe und Herausgeber der Zeitschrift Visier wurde 1952 in (West-) Berlin geboren, zog im Jahre 1972 nach Israel und diente dort bei den Fallschirmspringern der IDF (Israel Defense Force). Bei einem Einsatz am Suezkanal wurde er verwundet und begann danach sein Studium der Politikwissenschaften in Berlin. Als anerkannter Terrorexperte schulte er u. a. Sondereinsatzkommandos der deutschen Polizei, unterstützte auch die Terroruntersuchungen der Santa Monica's RAND Corporation und ist - aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen - ein weltweit gefragter Beratungs- und Gesprächspartner.
*BDMP: Bund der Polizei- und Militärschützen e.V.
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